Kontinentale Rotation

Bei mir ist es jetzt soweit.

Ich saß vor dem Fernseher, irgendwann am frühen Nachmittag. Mach ich sonst nicht, warum auch. Schon gar nicht an meinem Geburtstag. Aber die Party war erst abends, die Freundin noch auf Arbeit, und ich war ziemlich aufgeregt. An einem Juli-Nachmittag vor sechs Jahren wartete ich vor dem Fernseher auf Sepp Blatter. Das war mir davor noch nie passiert und danach auch nicht mehr. Und es wird auch nie wieder vorkommen.

Ich bin ein Turnier-Fan. Keiner, der sagt Der Beste soll gewinnen, kein Team-Fanatiker, kein Analysator oder Mode-Fan. Ich mag es, wenn sich etwas entwickelt, etwas, das mehr ist als ein Fußball-Spiel. Das Bild, welches mein Vater vom dramatischen 82er-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich vom Schwarzweißfernseher abfotografiert hat, ist mir ebenso ins Hirn gebrannt wie der kreuzbrave Kaffeetisch, an dem wir das Finale 1986 sahen. 1990 habe ich am Radio erfahren, was deutsche Tugenden sind, 1994 lernte ich im Fernsehen die Untugenden kennen.

Ich kann Hinspiele nicht ausstehen, ziehe mir dafür aber auch das Rückspiel Rapid gegen Steaua Bukarest rein. Champions-League-Gruppenphasen interessieren mich nicht, dafür hänge ich am Radio, wenn vier Zweitligisten einen Aufsteiger ausspielen. Ich verfolge die Bundesliga meist so nebenbei, habe aber jeden verfügbaren Schnipsel über den Abstiegskrimi im Mai ’99 gelesen.

Ich wäre sehr traurig gewesen, hätte Blatter damals South Africa vorgelesen. Er tat es nicht, und schon ging es los. Von diesem 7. Juli 2000 habe ich mir drei verschiedene Zeitungen aufgehoben, ich bilde mir ein, die historische Tragweite der Entscheidung recht schnell erkannt zu haben. In den knapp sechs Jahren habe ich oft an diese WM gedacht, aus ganz verschiedenen Gründen, beruflich, privat, sportlich, metaphilosophisch oder betrunken. Ich habe viel gelesen, gesehen, gehört.

Ich bin Realist. Viel Medien, viel Werbung, viel Drumherum. Politik, Wirtschaft, Kultur. Und mittendrin Deutschland. Sechs Jahre lang. Schon klar, das. Da oben rechts steht aber nicht umsonst, dass ich mich auf die WM freue. Das ist ernst gemeint. Ich tue es seit jenem Geburtstag, der bei seiner Feier natürlich nur Sekundärthema war.

Doch bei mir ist es jetzt soweit.

Die WM kommt für mich zwei Wochen zu spät. Seit gestern spüre ich, dass mir von dieser Endrunde am meisten die Einstimmung darauf in Erinnerung bleiben wird. Egal, was in den vier Spiel-Wochen passiert. Dass ich enttäuscht sein werde, weil ja doch nur Fußball gespielt wird, weil es Langeweile geben wird, spielfreie Tage und den Alltag drumherum. Das war sonst nie ein Problem, weil die Aufmerksamkeit erst sehr viel später geweckt wurde. Aber gestern musste ich über mich selbst lachen, weil ich ernsthaft grübelte, wie schlimm der 10. Juli wohl sein würde: Grausam, leer, ein Montag.

Es ist verdammt abgegriffen, aber dennoch schaudere ich jedes Mal ein bisschen, wenn jemand dahersagt, dass die nächste WM erst im nächsten Jahrhundert hier stattfinden wird. Ein komisches Gefühl: Sechs Jahre lang damit umzugehen, dass vier Wochen lang etwas zum letzten Mal passiert. Eigentlich ist es kompletter Unsinn, denn Karten hab ich nicht, die Elfenbeinküste wohnt hier auch nicht um die Ecke und die Spiele sehe ich im Fernsehen oder auf ner Leinwand – ob die nun in München oder Timbuktu kicken, ist da einerlei.

Is wohl so’ne Kopfgeschichte.

Aber vielleicht überdenken sie die kontinentale Rotation ja noch einmal.


2 Antworten auf „Kontinentale Rotation“


  1. 1 malte welding 26. Mai 2006 um 20:00 Uhr

    vlt ist ja die stimmung hier so gut, dass ab jetzt jede wm in deutschland stattfinden wird.

  2. 2 Der Platzwart 27. Mai 2006 um 13:36 Uhr

    Alle zwei Jahre.

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