Der Deisler

Ich bin kein Arzt, sondern nur Platzwart. Aber ich weiß, was ein armer Kerl ist. Hab ich schon paar gesehn von, wilde Kreaturen, die außer Fußball und Flache nix hatten im Leben. Oder neureiche Jungsche, deren Oberstübchen nur so hallte vor lauter Leere.

Oder Sebastian Deisler. Der is nix von beiden, aber sowas von n armer Kerl. Als er noch bei Hertha kickte, hatte er schon geschätzte 20 Verletzungen hinter sich, darunter zwei, drei der schwereren Sorte. Wahrscheinlich achtzig oder hundertdreißig Mal hatte man ihm bis dato in Mönchengladbach und Berlin gesagt, man wolle ihn nicht verheizen, sein außergewöhnliches Talent müsse behutsam gepflegt werden.

Bald darauf war er bei Bayern und ausgebrannt. Wegen einer Verletzung konnte er die WM 2002 nicht spielen, und in einem der tausend Gedanken, die er in der Kopfklinik gedacht hat, mag er sogar froh darüber gewesen sein, nicht schon in Asien die deutsche Elf führen zu müssen. Er wurde wieder gesund, spielte wieder, nicht schlecht sogar, von dem deutschen Ausnahmetalent sprach allerdings niemand mehr.

Deisler kann viel am Ball, und er will spielen. Steht er auf dem Feld, sieht man das. Seine Ballbehandlung ist großartig, sein Antritt explosiv. Bei Bayern muss er um seinen Platz kämpfen, hat dafür aber relative Medienruhe. Deisler hat eine Freundin, einen Sohn und einen hässliche Frisur.

Dass er knorpelbedingt die kommende WM wieder ausfällt, ist tragisch. Deisler ist ein armer Kerl, er könnte jetzt wieder, doch er darf nicht. In den Testspielen 2005 hat er die eine oder andere hübsche Vorlage fabriziert, den rechten Flügel hat er definitiv belebt. Bei der WM 2010 ist Deisler 30, wenn er Glück hat, fährt er als Ersatzspieler mit nach Südafrika. Jetzt aber heißt es für ihn couch‘n'chips.

Schade.